Nietzsche arbeitspsychologisch gelesen
- Klaus-Matthias Veit
- vor 24 Stunden
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– warum er auch im Arbeitskontext so oft vereinnahmt wird
Aus arbeitspsychologischer Perspektive wird Nietzsche immer wieder herangezogen, weil er zentrale Spannungen moderner Arbeitswelten früh und scharf beschrieben hat – allerdings ohne sie normativ zu befrieden.
Gerade diese Offenheit macht ihn anschlussfähig für sehr unterschiedliche Interessen.Leistung, Selbstüberforderung und „Wille zur Macht“Nietzsches Begriff des Willens zur Macht wird im Arbeitskontext häufig verkürzt als Leistungs‑ oder Durchsetzungsimperativ gelesen. In modernen Organisationen lässt sich beobachten:
permanente Selbstoptimierung statt äußerer Kontrolle
Identitätsbindung an Leistung und Erfolg
Verschiebung von Verantwortung vom System auf das Individuum
Nietzsche wird dabei instrumentalisiert, um Überforderung als Selbstverwirklichung zu legitimieren – entgegen seiner eigentlichen Kritik an asketischen Leistungsregimen.Kritik an Moral und AnpassungNietzsche analysierte Moral als Disziplinierungsinstrument, das Konformität erzeugt. In Arbeitsorganisationen zeigt sich dies in:
impliziten Loyalitätsanforderungen
moralisch aufgeladenen Leistungsnormen („Engagement“, „Leidenschaft“, „Resilienz“)
subtiler Abwertung von Erschöpfung oder Grenzen
Nietzsche wird hier entweder als Rechtfertigung für Härte missbraucht – oder als kritischer Spiegel, der diese Mechanismen sichtbar macht.Sinnverlust und moderner NihilismusArbeitspsychologisch hoch relevant ist Nietzsches Diagnose des Nihilismus:
Verlust von Sinn jenseits funktionaler Zielerreichung
Austauschbarkeit von Rollen und Personen
Entwertung von Erfahrung, insbesondere im mittleren und höheren Lebensalter
Nietzsche wird vereinnahmt, weil er diesen Zustand benennt – ohne einfache Lösungen anzubieten. Organisationen greifen selektiv auf seine Begriffe zurück, um Sinn zu simulieren, statt Strukturen zu verändern.Autonomie versus InstrumentalisierungNietzsches Idee der Selbstgestaltung wird häufig individualisiert:
Verantwortung für Sinn, Motivation und Gesundheit wird dem Einzelnen zugeschrieben
strukturelle Bedingungen bleiben unangetastet
Arbeitspsychologisch betrachtet dient diese Lesart der Entlastung von Organisationen – Nietzsche wird zum Kronzeugen einer neoliberalen Selbstverantwortungslogik.Nietzsche wird im Arbeitskontext vereinnahmt, weil er:
Leistungs‑ und Sinnfragen radikal zuspitzt
keine Schutzräume anbietet
Autonomie fordert, ohne Systeme zu entschuldigen
Anpassung als Gefahr entlarvt
Er eignet sich sowohl zur Legitimation von Überforderung als auch zur kritischen Analyse moderner Arbeitsverhältnisse.
Entscheidend ist, ob er als Werkzeug der Selbstoptimierung oder als Diagnostiker struktureller Zumutungen gelesen wird.

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