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Nietzsche arbeitspsychologisch gelesen


– warum er auch im Arbeitskontext so oft vereinnahmt wird


Aus arbeitspsychologischer Perspektive wird Nietzsche immer wieder herangezogen, weil er zentrale Spannungen moderner Arbeitswelten früh und scharf beschrieben hat – allerdings ohne sie normativ zu befrieden.

Gerade diese Offenheit macht ihn anschlussfähig für sehr unterschiedliche Interessen.Leistung, Selbstüberforderung und „Wille zur Macht“Nietzsches Begriff des Willens zur Macht wird im Arbeitskontext häufig verkürzt als Leistungs‑ oder Durchsetzungsimperativ gelesen. In modernen Organisationen lässt sich beobachten:

  • permanente Selbstoptimierung statt äußerer Kontrolle

  • Identitätsbindung an Leistung und Erfolg

  • Verschiebung von Verantwortung vom System auf das Individuum


Nietzsche wird dabei instrumentalisiert, um Überforderung als Selbstverwirklichung zu legitimieren – entgegen seiner eigentlichen Kritik an asketischen Leistungsregimen.Kritik an Moral und AnpassungNietzsche analysierte Moral als Disziplinierungsinstrument, das Konformität erzeugt. In Arbeitsorganisationen zeigt sich dies in:

  • impliziten Loyalitätsanforderungen

  • moralisch aufgeladenen Leistungsnormen („Engagement“, „Leidenschaft“, „Resilienz“)

  • subtiler Abwertung von Erschöpfung oder Grenzen


Nietzsche wird hier entweder als Rechtfertigung für Härte missbraucht – oder als kritischer Spiegel, der diese Mechanismen sichtbar macht.Sinnverlust und moderner NihilismusArbeitspsychologisch hoch relevant ist Nietzsches Diagnose des Nihilismus:

  • Verlust von Sinn jenseits funktionaler Zielerreichung

  • Austauschbarkeit von Rollen und Personen

  • Entwertung von Erfahrung, insbesondere im mittleren und höheren Lebensalter


Nietzsche wird vereinnahmt, weil er diesen Zustand benennt – ohne einfache Lösungen anzubieten. Organisationen greifen selektiv auf seine Begriffe zurück, um Sinn zu simulieren, statt Strukturen zu verändern.Autonomie versus InstrumentalisierungNietzsches Idee der Selbstgestaltung wird häufig individualisiert:

  • Verantwortung für Sinn, Motivation und Gesundheit wird dem Einzelnen zugeschrieben

  • strukturelle Bedingungen bleiben unangetastet


Arbeitspsychologisch betrachtet dient diese Lesart der Entlastung von Organisationen – Nietzsche wird zum Kronzeugen einer neoliberalen Selbstverantwortungslogik.Nietzsche wird im Arbeitskontext vereinnahmt, weil er:


  • Leistungs‑ und Sinnfragen radikal zuspitzt

  • keine Schutzräume anbietet

  • Autonomie fordert, ohne Systeme zu entschuldigen

  • Anpassung als Gefahr entlarvt



Er eignet sich sowohl zur Legitimation von Überforderung als auch zur kritischen Analyse moderner Arbeitsverhältnisse.


Entscheidend ist, ob er als Werkzeug der Selbstoptimierung oder als Diagnostiker struktureller Zumutungen gelesen wird.

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